Beitrag zur Debatte rund um die künftige Gedenk- und Bildungsstätte in der ehemaligen Stasizentrale in der Erfurter Andreasstraße
von Astrid Rothe-Beinlich, Vizepräsidentin im Thüringer Landtag, Mitglied im Bundesvorstand BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und 1989 aktiv in der sogenannten Bürgerwache in der besetzten Stasizentrale
"Das Vermächtnis der friedlichen Revolution gehört nicht ins Museum. Wir war`n nicht das Volk - sondern wir sind das Volk."
Mit diesen Worten endete die Rede von Werner Schulz anlässlich des Festaktes im Gewandhaus Leipzig am 9.Oktober 2009. Wie wahr.
Und doch braucht es Orte der Erinnerung und der Mahnung, braucht es die Dokumentation und die Archivierung, braucht es auch authentische Orte, um erinnern zu können für die Zukunft und um daraus zu lernen. Für uns selbst, um nicht zu vergessen, vor allem aber für unsere Kinder und Kindeskinder. Es braucht Mahnmale und Erinnerungsorte auch an scheinbar Alltägliches und die perfide Arbeitsweise des Ministeriums für Staatssicherheit - als Schild und Schwert der Partei. Und es braucht Raum, um über das Erlebte, die Lehren daraus und über die Hintergründe ins Gespräch zu kommen.
Die ehemalige Stasizentrale - mit dem noch immer erhaltenen Zellentrakt des Untersuchungsgefängnisses - in der Erfurter Andreasstraße als Ort der Unterdrückung und der Freiheit durch die Besetzung am 4. Dezember 1989 steht sinnbildlich und wahrhaftig für diese Geschichte und bietet eben jenen notwendigen Raum für eine Gedenk- und Bildungsstätte gleichermaßen. Doch um dieser wichtigen Aufgabe "Gedenken Erinnern - Lernen" gerecht zu werden, braucht es Fachlichkeit und Erfahrung gleichermaßen.
Und genau deshalb werbe auch ich mit Nachdruck für eine Gedenk- und Bildungsstätte in der Erfurter Andreasstraße, die Zeitzeugen mit einbezieht und doch weiter denkt - in vielerlei Hinsicht. Ich bin deshalb froh und dankbar, dass es bspw. die Gesellschaft für Zeitgeschichte in Erfurt gibt, die sich seit Jahren um ein derartiges Konzept bemüht.
Auch und gerade aus der Erfahrung der auf die Besetzung folgenden "Kultur der Runden Tische" ist klar: zum Weiterkommen braucht es den Dialog. Und mit Blick auf Kommunikation wird überdeutlich - wie in diesem Falle - dass es unabdingbar die Beteiligung ALLER braucht - selbstverständlich auch der Zuständigen.
Völlig unverständlich ist auch mir daher die Haltung der Landesbeauftragten, die mit ihrer de facto Verweigerung zudem dazu beiträgt, dass mittlerweile ganz andere frohlocken - die nämlich, die verdrängen und vergessen wollen und die kein Interesse an gelebter Bildungsarbeit, wissenschaftlicher Aufarbeitung und den Erfahrungen der Zeitzeugen haben.
Erinnern wir uns. Wie war die Ausgangslage 1989 mit Blick auf die Stasiaktivitäten in Erfurt:
- die Kreisverwaltung des MfS führte damals 630 Inoffizielle MitarbeiterInnen (IMs)
- seit 1952 diente der Zellentrakt in der Andreasstraße als Untersuchungshaftanstalt für das MfS
Am 3. Dezember 1989 wurden Filmpartikel in der Luft in Erfurt festgestellt. Damit war klar, dass in großem Umfang Filmmaterial etc. verbrannt wurde. Eine weitere Vernichtung von Aktenmaterial galt es zu verhindern.
Dies war gewissermaßen der Auslöser für die erste Besetzung einer Stasizentrale in der DDR. Ich war damals eine der Jüngsten, die fortan in der sogenannten "Bürgerwache" in der ehemaligen Stasizentrale aktiv waren.
Der interessante Aspekt, dass es eine Gruppe von Frauen war, die am 4. Dezember im Rathaus vorstellig wurde und die Stadtverwaltung aufforderte, die Vernichtung von Akten in der Bezirksverwaltung des MfS zu stoppen und die Presse, den Rat des Bezirkes und die Staatsanwaltschaft informierte, ist heute vielen nicht mehr geläufig. Als klar wurde, dass von staatlicher Seite nichts getan wurde, versammelten sich immer mehr Menschen in der Andreasstraße vor der Stasizentrale und begehrten Einlass. Schließlich sollte eine zehnköpfige Delegation Zutritt erhalten -- gleichzeitig begann die Besetzung über den schlecht gesicherten Hintereingang. Die Stasi wurde im wahrsten Sinne des Wortes überrumpelt.
Für mich waren die folgenden Tage und Nächte wohl die prägendsten in meinem Leben. 1991 habe ich meine Erinnerungen an diese Zeit niedergeschrieben. Darin heißt es:
"Ab sofort wurden Leute gebraucht, die Wache in der Stasizentrale halten würden. Zwei Stunden jeweils bis zur Ablösung an einer Stelle. Ich meldete mich sofort, verbrachte jede freie Minute dort. Wache am Nordtor -- es war erbärmlich kalt... Wache im ehemaligen Bunker. Totenstille, Dunkelheit... Wache in der U-Haft-Station. Die Zellen, Stuhl und Bett, Gipsschüsseln, Dunkelheit, vielfache Verriegelung, alles vergittert. (...) Wache am Eingang. Kontrolle der noch ein- und ausgehenden Stasileute, die ihre Büros ausräumen. Nicht nur die Büros. Immer wieder wurden Versiegelungen aufgebrochen. Peinlich, wenn ich als gerade 16jährige Taschen ehemaliger Lehrer untersuchen muss. (...) Mit der Zeit immer weniger Freiwillige für die Bürgerwache. Ich beantrage "schulfrei" um die zuvor verweigerte "Zivilverteidigung" nachzuholen. (...) Schließlich übernehme ich die Verpflegung, koche Kaffee, schmiert Brote... Plötzlich gemeinsame Wachteams mit der Polizei -- ein eigenartiges Gefühl. (...) Heiligabend in der Staatssicherheit. Gegen Mitternacht kamen plötzlich etwa 25 Leute mit Geschenken, Pfefferkuchen, Kerzen. Sogar einen kleinen Weihnachtsbaum hatten sie uns mitgebracht. Wir sangen Weihnachtslieder in den leeren Gängen. (...) Wir waren nicht alleine. Aber es tat sich nichts. Die Bürgerwachenleute waren müde und überreizt. (...) Schließlich traten einige aus der Bürgerwache in den Hungerstreik, ich durfte nicht, war noch zu jung."
Eine weitere bittere Erfahrung war, dass selbst ein ehemaliger Stasimitarbeiter in der Bürgerwache aktiv war -- IMB Schubert -- "Leo" -- nannte er sich. Mit ihm hatte ich so manche gemeinsame "Schicht", er hatte auch die Umweltgruppe, in der ich seit 1987 aktiv war, bespitzelt. Es war unheimlich. Er öffnete immer wieder Türen, und trat besonders respektlos gegenüber den Stasileuten auf. Im April 1991 erst haben wir erfahren, dass er einer der aktivsten Inoffiziellen Mitarbeiter gewesen ist.
Erfurt, am 12. Februar 2010




