Rede von Astrid Rothe-Beinlich zur Aktuellen Stunde auf Antrag der Fraktion der FDP zum Thema: "Strategien der Landesregierung zur Verbesserung des Ausbildungsstandes der Thüringer Schulabgänger und zur Verringerung der Abbrecherquote in Ausbildungsberufe
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordnete, wir haben jetzt schon einiges gehört, es soll um Strategien der Landesregierung zur Verbesserung des Ausbildungsstandes der Thüringer Schulabgänger und zur Verringerung der Abbrecherquote in den Ausbildungsberufen gehen.
Mit Ausbildungstand Thüringer Schulabgänger ist diese aktuelle Stunde überschrieben. Ich möchte zu Beginn meiner Ausführungen das Augenmerk auf die Verwendung des Begriffes Ausbildungsstand lenken. Wir meinen, dass es eine falsche Verwendung des Begriffes ist, und denken, dass es einen ganzheitlichen Bildungsbegriff braucht, der nicht nur Ausbildung oder Qualifikation meint, sondern auch Persönlichkeitsbildung, Demokratiebildung, Sozialkompetenzen und vieles mehr einschließt. Die FDP meint, so jedenfalls habe ich es nach der Rede von Kollegen Kemmerich verstanden, eher die Ausbildungsreife, also die Fähigkeiten, die zum Eintritt in die Berufsausbildung vorausgesetzt werden. Einer Ausbildungsreife allerdings muss eine Schulreife vorangehen. Da kommen wir tatsächlich auf das Landesthema, worüber wir sicher auch heute hier sprechen sollten - das beginnt bei den Kleinsten-, warum es gerade die frühkindliche Bildung als Schlüssel braucht, um bessere Chancen von Anfang zu haben. Deswegen wollen wir diese auch ausbauen. Ich habe mich erst gefragt, warum Sie heute dieses Thema aufgesetzt haben. Ich habe gedacht, es läge vielleicht daran, dass dem Bundeskabinett heute der Bildungsbericht von Frau Ministerin Schavan vorgelegt wurde, die dort einen Vorschlag gemacht hat, wie aus ihrer Sicht dieser Problematik begegnet werden soll. Sie hat benannt, dass es künftig Bildungslotsen geben soll, die den Jugendlichen, die Schwierigkeiten haben, eine Ausbildung zu finden, als Einzelfallhelfer zur Seite stehen. Das ist aus unserer Sicht ganz klar ein Schmalspurprogramm und widmet sich überhaupt nicht den Ursachen der Problematik, der fehlenden Bildung.
Herr Kemmerich, Sie haben angesprochen, dass es vielleicht die Eltern und die Schule sind, die da einiges versäumen. Wir meinen auch, dass es das Bildungssystem insgesamt ist, wie es angelegt ist, weil es nicht jede und jeden tatsächlich mitnimmt und individuell fördert. Das Problem allerdings ist, auch bei diesen Bildungslotsen, wenn man es ernst meint, wenn es sie geben sollte, dass den Schulen eigentlich gar nicht direkt geholfen werden kann. Warum Herr Kemmerich? Weil Schwarz-Gelb beispielsweise am Kooperationsverbot im Bund festhält. Das heißt, es darf gar nicht direkt auf die Schulen zugegangen werden. Es kann gar nicht auf die Schulen eingewirkt werden. Deswegen ist die Frage, wie wir uns als Land aufstellen, um ein anderes Profil in der Bildungspolitik zu haben und auch mehr - wie Sie es nennen - ausbildungsreife Jugendliche, Jugendliche die tatsächlich eine Ausbildung antreten können, haben.
Schauen wir mal auf die Fakten: Im Jahr 2008 gab es in Thüringen 4.268 Ausbildungsabbrüche. Das ist zwar ein leichter Rückgang gegenüber 2007, wir haben aber auch den demografischen Wandel, über den alle sprechen. Es brechen weit mehr junge Männer als Frauen die Ausbildung ab. Allerdings nimmt der Anteil der Frauen, die die Ausbildung nicht beenden zu. Was sind die Gründe für die Ausbildungsabbrüche in Thüringen? Konkurs des Ausbildungsbetriebes, unklare oder falsche Vorstellungen des Jugendlichen von dem zu erlernenden Beruf, das Einschlagen anderer Berufswege oder Bildungswege. Ich glaube, dass es genau da gute Ansätze braucht, wie zum Beispiel den "Girl´s Day", den wir erst letzte Woche hier im Landtag hatten, wo jungen Mädchen Ausbildungsberufe aufgezeigt wurden, die nicht dem typischen Berufswahlverhalten entsprechen, denn es ist immer noch so, dass gerade Mädchen nur an einer ganz geringen Palette an Auswahlmöglichkeiten tatsächlich partizipieren oder sich nur selten für Berufs entscheiden, die vielleicht erst mal nicht typisch erscheinen.
Was meinen wir, was es für Maßnahmen braucht, um die Ausbildungsreife zu verbessern? Wir wollen aufhören, an Symptomen herumzudoktern, das heißt, dass die Rahmenbedingungen an allen Schulen dringend verbessert werden müssen. Wenn die Gemeinschaftsschule ein erster Schritt zum längeren gemeinsamen Lernen für alle ist, werden wir das selbstverständlich begrüßen. Wir brauchen eine Modernisierung des Berufsbildungssystems statt milliardenteure und sinnlose Warteschleifen, wie wir sie immer noch auch in Thüringen beobachten. Statt einem Wirrwarr an Übergangsmaßnahmen brauchen wir grundlegende strukturelle Reformen des Ausbildungssystems, wie wir sie beispielsweise auf Bundesebene mit dem System "DUAL Plus" vorgelegt haben und wie wir uns das auch für Thüringen wünschen. Wir meinen, dass die Neustrukturierung des Ausbildungssystems auf drei Säulen gestellt werden muss, nämlich die Modularisierung der Berufsausbildung, der Ausbau auch von überbetrieblichen Berufsausbildungsstätten und die Anrechnung aller Bildungsschritte sowie die Ermöglichung von Quereinstiegen auch und gerade für Jugendliche, die es vielleicht nicht so leicht hatten oder die nicht auf dem ersten Weg bereits einen Abschluss vorweisen können. Danke schön.




