Rede Astrid Rothe-Beinlich, Adventsempfang der Evangelischen Kirche 16.12.2009

Sehr geehrte Landesbischöfin Junkermann, sehr geehrter Bischof Prof. Hein, lieber Thomas Seidel, lieber Christoph Matschie, liebe Kollegin Vizepräsidentin Birgit Klaubert, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, meine Damen und Herren Minister und Staatssekretäre, verehrte Gäste,

auch ich möchte Sie alle sehr herzlich zum traditionellen Adventsempfang hier im Luthersaal des Evangelischen Augustinerklosters Erfurt begrüßen.

Ein besonderer Dank geht an die einladenden Thüringer Kirchen (die EKM + Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck) – der Adventsempfang ist ein guter Brauch zur passenden Zeit, den wir alle – auch und gerade angesichts der Alltagshektik – zum Innehalten gut gebrauchen können. Außerdem darf ich Sie ganz herzlich von unserer Landtagspräsidentin, Birgit Diezel, grüßen, die leider erkrankt ist und die ich heute hier vertreten darf. Es ist mir eine Freude und gleichermaßen eine Ehre, als neue Landtagsvizepräsidentin zu diesem besonderen Anlass ein Grußwort zu sprechen.

Es gibt ja durchaus tiefe innere Zusammenhänge zwischen Advent und Politik. Beide stehen im Zeichen der Erwartung:

Nicht nur weil auch PolitikerInnen es kaum erwarten können, dass endlich Weihnachten wird; nicht nur, weil heute Abend zum Beispiel im und vorm Erfurter Rathaus viele Engagierte im Kultur- und Sozialbereich keineswegs in adventlicher Stimmung sind, sondern betroffen und gespannt die Entscheidung erwarten, wie viele Mittel der Stadtrat für ihre Arbeit streichen oder genehmigen wird; sondern vor allem, weil Hoffnungen und Erwartungen der wichtigste menschliche Kredit sind, von dem gerade auch die Politik zehrt. Es ist klar, dass der spirituelle „Mehrwert an Verheißung“ (Wolfgang Ratzmann), weit übers Politische hinaus reicht, aber er sollte auch hier zur Wirkung kommen.

Das trifft für die Wählerinnen und Wähler zu, die uns einen Vertrauensvorschuss gewähren, unsere Verantwortung legitimieren und dann unsere Versprechungen prüfen. Und das trifft für uns selber zu, die wir ein Mandat oder Amt ausfüllen und neben allem Streit um Konzepte und Kompromisse immer wieder Momente der Selbstbesinnung brauchen, wo wir uns fragen und befragen lassen, wie weit wir noch mit unseren eigenen Erwartungen und Zielen aber auch mit den gemachten Versprechungen übereinstimmen.

Da gilt es auch einmal zu entschleunigen und inne zu halten, gerade, wenn scheinbar alle Welt vom Wachstumsbeschleunigungspaket spricht und Erwartungen weckt....

Möglicherweise denken Sie jetzt: So ist gut reden, wenn man frisch in den Landtag gekommen ist, das Herz voller Erwartungen, den Kopf voller Kritik, nach dem Motto Vorfreude, schönste Freude, wartet’s nur ab! Natürlich haben wir Neuen auch diese Rolle zu spielen, damit Erstarrungen aufgelöst und Erwartungen nicht enttäuscht werden. Und dass grüne Hoffnungen deutlich eingebracht werden, kann ich schon mal versprechen.

Gleichwohl gilt es für alle Politikerinnen und Politiker, genauso wie für die Verantwortlichen in der Kirche, dass sie sich nicht nur vom gerade Machbaren leiten lassen dürfen, sondern sich immer wieder vom Prinzip Hoffnung inspirieren lassen müssen. Dass es dafür die erwartungsfrohe Kultur des Advents gibt, gehört sicher zum Besten, was wir geerbt haben.

Was wäre ohne Advent und Weihnachtszeit mit Bräuchen und Sitten, schmuckreich und stimmungsvoll, duftend und leuchtend.

Vorfreude, schönste Freude, Freude im Advent! Eines der lebendig gebliebenen Lieder aus den 50er Jahren. Sechs untrennbar verbundene Wörter, ein genialer Einfall von Erika Engel, die diese zündenden Verse gefunden hat, Vorfreude, schönste Freude. Viele von Ihnen werden sie unwillkürlich im Kopf haben. Obwohl damals von Amts wegen weder vom christlichen Fest noch vom Christkind die Rede sein sollte, hat in diesem Fall Frau Engel ihrem Namen alle Ehren gemacht. Sie hat mit guten Worten nicht nur die Zeichen gerettet. Sie erinnern sich: Tannengrün zum Kranz gebunden / rote Bänder drein gewunden / … Leuchten im Advent. Sie hat damit auch ganz poetisch etwas vom geistigen Gehalt gewahrt und für unser kollektives Gedächtnis erhalten. Und dafür seien ihr das Lied vom Volkspolizisten und viele andere von ihren 250 Liedern vergeben und vergessen. Wir hätten uns bei ihr zu bedanken, aber vor ein paar Jahren ist sie hoch betagt verstorben.

Vorfreude, schönste Freude. Aber beim wohligen Gefühl darf es nicht bleiben. Große Erwartungen haben sich auf den Klimagipfel gerichtet, der zur Stunde in Kopenhagen tagt – 192 Umweltminister beraten dort gerade das weitere Vorgehen in Sachen Klimaschutz und Klimagerechtigkeit.

Ich selbst habe dort am Samstag eine der größten und internationalsten Demonstrationen erleben dürfen – 100.000 Menschen aus aller Herren Länder demonstrierten dort den Leitspruch: Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt.

Und meine Erwartung an Kopenhagen ist nach wie vor die, dass es gelingt, die Brücke zu den ärmsten Ländern zu schlagen und die Entwicklungspolitik am Klimaschutz auszurichten. Fakt ist: der Klimawandel verstärkt die Armut. Klimawandel, Welternährung und Armut können nicht mehr isoliert voneinander betrachtet und bearbeitet werden. Das ist die eigentliche Herausforderung, wenn wir Klimawandel und Hunger gemeinsam bekämpfen wollen. Die daraus resultierende nötige Umstrukturierung der Weltwirtschaft wird alle Länder und alle wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Sektoren erfassen. Und doch steht zu befürchten, dass noch nicht allen diese Dimension und die notwendigen Schritte auf dem Weg dorthin bewusst sind.

Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit gilt es, den Blick über den reich bis zum Rand gefüllten Teller zu wagen. Auch uns bewegt – wie soeben bereits angesprochen – neben dem Klimawandel und der größten Hungersnot weltweit die Wirtschaftskrise, die auch in Thüringen deutliche Spuren hinterlässt.

Ethisches Handeln muss uns überall leiten und hat mehrere Dimensionen – neben der ökologischen auch und vor allem eine soziale. Bereits vor einem Jahr wurde allerorten davon gesprochen, dass Banken ethische Grundregeln brauchen. Die aktuellen Nachrichten dieser Woche machen deutlich, dass weiterhin dringend notwendige Gelder verbrannt werden, weil sich mittelständische Landesbanken unrealistischen Wachstumsphantasien hingegeben haben.

Es ist überfällig, endlich verbindliche Regeln für den internationalen Finanzverkehr zu entwickeln, um eine faire und gerechte Weltwirtschaft aufbauen zu können.

Und nein: es geht nicht um Askese oder nur um Verzicht. Es geht um ein bewusstes, um ein gutes Leben und darum, Maß zu halten. Wie sagte schon Mahatma Gandhi: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“

Das alleinige wirtschaftliche Anliegen kann und darf nicht sein, Marktführer oder gar Monopolist zu werden. Die Versorgung, die Art und Weise der Produktion und der tatsächliche Austausch von Gütern sowie die Frage der Gerechtigkeit spielen die entscheidende Rolle.

Ich möchte – auch im Namen der Präsidentin Diezel - an dieser Stelle dazu auffordern, ethischen Prinzipien - auch - in der Unternehmensführung zu folgen. Erst kürzlich veröffentlichte das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche eine Studie, wie ethisches Handeln in Unternehmen kommuniziert wird. Auch die in Erfurt ansässige Internationale Martin-Luther-Stiftung macht mit ihren Veranstaltungen auf die wichtige Dimension der Wirtschaftsethik aufmerksam. Humanitäre Verantwortung können wir nicht einfach an einige wenige Menschen in den Vereinen und Gemeinden und an ihre beherzten Mitstreiter delegieren, und es damit bewenden lassen. Was Not tut, ist der Mut zur Verantwortung für das eigene Tun und Lassen und die Bereitschaft, für andere da zu sein in der Politik genauso, wie in der Wirtschaft und wie in Kirche und Diakonie.

Und das fängt gar nicht weit weg – auch nicht erst in Kopenhagen – sondern auch bei uns selber an.

Für uns selber müssen wir entscheiden, wie wir leben wollen, wenn wir es ernst meinen damit, dass Nachhaltigkeit unser Leben prägt und wir auch heute schon an morgen und übermorgen denken.

Wir müssen uns selbst fragen, welche Erwartungen – nicht nur im Advent – unsere Kinder und Kindeskinder an die Welt von morgen haben und was unser Beitrag dazu sein muss, diese lebenswert zu erhalten und zu schützen.

Das sind zum Teil scheinbar ganz einfache Fragen – wie bewege ich mich fort, was esse ich, welche Leuchtmittel machen mir Licht, welche Kriterien leiten mich beim Einkauf oder bei der Wohnungsausstattung.

Und bei aller Freude – mancher – am Einkauf gerade in der Adventszeit: Die Geschäfte müssen nicht rund um die Uhr und auch nicht an jedem Feiertag geöffnet haben, nur damit wir uns ganz dem Konsum hingeben können. In diesem Sinne begrüße ich ausdrücklich das zur Mäßigung aufrufende Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zu den Öffnungszeiten an Sonn- und Feiertagen.

Wir müssen uns allerdings auch vor Augen führen: es braucht Rahmenbedingungen, die Menschen ermöglichen, sich frei zu entscheiden und ihr Leben bewusst zu leben. Dazu gehört auch eine materielle Grundsicherung. Dass in Thüringen 60.000 Kinder in Armut leben ist ein Skandal, den wir uns nicht länger leisten können und dürfen – denn Armut grenzt aus, macht krank und verunmöglicht Teilhabe und Partizipation.

Und hier habe auch ich eine hohe Erwartungshaltung an uns – die Politik – hier müssen wir parteiübergreifend gemeinsam nach Lösungen suchen, so unterschiedlich unsere Herangehensweisen auch immer sein mögen - und danke ausdrücklich auch und gerade der Kirche, die sich immer wieder gerade in dieser Frage deutlich positioniert hat und karitativ tätig ist.

Erwartungen habe ich auch an die Kirche und bin entsprechend gespannt auf den Vortrag von Bischof Prof. Martin Hein zum Thema: „Gedächtnis – Dienst – Orientierung, Was die Evangelische Kirche der Gesellschaft schuldig ist.“

Ich selbst, als Pfarrerstochter in der DDR groß geworden, habe die Kirche als Freiraum, als Zuhause, als Ort, an dem ich ich sein konnte, wo diskutiert, gesungen, gestritten, getanzt und gebetet wurde kennen gelernt – gewissermaßen als meine Heimat.

Als Vizepräsidentin des Thüringer Landtags wünsche ich mir, dass Kirche und Diakonie – erlauben Sie, dass ich das in dieser Formel zusammenfasse –

Moderatorin ist und bleibt im gesellschaftlichen Diskurs, Ihren Bildungsauftrag für Kinder und Erwachsene wahrnimmt Als große Trägerin der Sozialarbeit eine Stimme der Schwachen ist

Ich danke Ihnen ausdrücklich für die vielen Initiativen zur Aktualisierung der Erinnerung an „20 Jahre Friedliche Revolution“, zum Teil im Rahmen der Jahreskampagne „Gesegnete Unruhe“, die gestern in der Erfurter Kaufmannskirche zum Abschluss gekommen ist

Mir ist weiter wichtig dass Sie differenzierte Beiträge zur Vergangenheitsaufarbeitung leisten; und ich möchte mein Grußwort beenden mit den Worten vom Erfurter Altpropst Dr. Heino Falcke:

„Die Kirche hat allen Grund, sich des zivilgesellschaftlichen Aufbruchs zu erinnern, der 1989 aus ihr hervorging. … Ich bin der Meinung, sie sollte sich stärker auf ihr zivilgesellschaftliches Umfeld beziehen, auf die Kräfte zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation setzen.“

(Heino Falcke „Wo bleibt die Freiheit? Christ sein in Zeiten der Wende“ Freiburg 2009, S. 106f.)

Dankeschön!

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