Grußwort anlässlich der Jürgen-Fuchs-Gedenkveranstaltung am 15.12.2009 im Thüringer Landtag
16.12.2009: von Astrid Rothe-Beinlich
Sehr geehrter Herr Utz Rachowski, sehr geehrter, lieber Lutz Rathenow, lieber Hans-Jürgen Döring, meine Damen und Herren Abgeordnete, verehrte Gäste,
ich heiße Sie auch im Namen unserer Landtagspräsidentin, Birgit Diezel, die sich heute leider wegen Krankheit entschuldigen muss, ganz herzlich willkommen zu einem ganz besonderen Abend im Thüringer Landtag in der Jürgen-Fuchs-Straße.
Wir haben in diesem denkwürdigen Jahr 2009 zahlreiche Jubiläen begangen und hatten zudem in Thüringen gleich vier Mal die Wahl.
Die Landesregierung hat das Jahr 2009 zum ‚Jahr der Demokratie’ ausgerufen und es wurde zu vielen Anlässen überall in Thüringen der demokratischen Tradition auch hier im Freistaat gedacht.
Wir konnten auf 90 Jahre Weimarer Reichsverfassung und 60 Jahre Grundgesetz zurückblicken. Wir haben uns aber auch immer wieder darauf besonnen, dass vor 70 Jahren von Deutschland einer der grausamsten und menschenverachtendsten Kriege ausging.
Mit zahlreichen Veranstaltungen haben wir in den letzten Wochen an die friedliche Revolution vor 20 Jahren erinnert - nicht zuletzt mit einem eindrucksvollen Symposium vor 10 Tagen im Anschluss an das 20. Gedenken zur Besetzung der Erfurter Stasizentrale.
Doch ich meine: es reicht nicht, die Demokratie zu feiern. Wir müssen sie leben, erfahrbar machen und zur Demokratie ermutigen und einladen - auch und gerade, um sie lebendig zu halten und der Politikverdrossenheit zu begegnen.
Auch das soll ein Anlass sein, um an einen der scharfsinnigsten und sprachgewaltigsten Kritiker der SED-Diktatur zu erinnern: an Jürgen Fuchs, der vor 10 Jahren viel zu früh von uns gegangen ist.
1950 im voigtländischen Reichenbach geboren, nahm Jürgen Fuchs im September 1971 sein Psychologiestudium an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena auf. Es war die Zeit, in der er begann, feinsinnige Gedichte zu schreiben und Flugblätter zu verteilen. Schnell verbreiteten sich diese Schreibmaschinendurchschläge unter den Studierenden - die zarten gelbgrünen Bletter wehten auch an die Karl-Marx-Universität Leipzig, mein Vater hat sie heute noch.
Mit seinen Texten war er geradezu aus - auf die Konfrontation mit der diktatorischen Macht.
Seine Worte waren Fingerzeige, die auf die faulen Stellen des real existierenden Sozialismus wiesen. Als einer, der der ursprünglichen Utopie gern gefolgt wäre, legte er die inneren Verlogenheiten des DDR-Systems bloß.
Jürgen Fuchs war einer der wenigen Sprachmächtigen, die sich gegenüber der diktatorischen Macht nicht ohnmächtig fühlten und um der nackten Wahrheit willen die direkte Konfrontation mit ihr nicht scheuten.
Die SED-Oberen zogen schnell und rücksichtslos Konsequenzen. Man exmatrikulierte Jürgen Fuchs unmittelbar vor Abschluss seines Studiums und verweigerte ihm somit, seiner Profession als Psychologe nachgehen zu können.
Und trotz der Schikanen der Staatssicherheit, die mit seiner Entfernung von der Universität nicht aufhören sollten, behielt er den Mut in und mit seinen Worten bei.
Auch wenn dieser Mut immer von Angst überschattet bleiben sollte.
Die Themen in den Gedichten und Texten von Jürgen Fuchs umkreisen die Erscheinungsformen eines Lebens in der Diktatur.
Das Gefühl des permanenten Eingesperrtseins, der Verdächtigungen, von Observation und Kontrolle, das Verschweigen der Wahrheit, die fehlende Menschlichkeit, das waren seine Themen.
Dabei vertraute er nicht allein auf die Fähigkeit der Menschen, in Zeiten unterdrückter Meinungsfreiheit, zwischen den Zeilen zu lesen.
Im dokumentarischen Stil begegnete er den Unrechtsverhältnissen der ehemaligen DDR sehr deutlich und entschieden.
Die Inhaftierung und die psychologischen Zersetzungsmechanismen der Staatssicherheit konnten seinen offenen Widerstand nicht beugen.
Deshalb wurde Jürgen Fuchs 1977 aus der Haft nach West-Berlin abgeschoben. In Westdeutschland angekommen, war seine Ankunft alles andere als leicht: Er lebte dort in ständigem Unbehagen, zur künstlerischen Neuorientierung gezwungen, aber weiter in Verbundenheit zu seinen nunmehr schier unerreichbaren Freunden und Wegbegleitern.
In seiner fortwährenden Arbeit verlor er keinesfalls den Blick für gesellschaftliche Ärgernisse und verärgerte damit zugleich den intellektuellen Zeitgeist seiner neuen, ungewollten Heimat. Seine kritische Haltung gegenüber den kommunistischen Diktaturen, seine Erfahrungen in der DDR, zerstörte bei einigen westdeutschen Linksintellektuellen die Illusion vom besseren Deutschland im Osten.
Sein authentischer Blick hinter den Eisernen Vorhang zeigte, dass sich mancher in einem Nebeneinander von Kapitalismuskritik und demokratischer Selbstverständlichkeit allzu behaglich eingerichtet hatte, auch wenn dies die teilweise durchaus berechtigte Kritik an den herrschenden Zuständen auch im Westen nicht negieren kann und darf.
Meine Damen und Herren, für die Aufarbeitung der SED-Diktatur und das zukünftige Erinnern halte ich die Texte und Dokumentationen von Jürgen Fuchs für unabdingbar - auch und gerade für unsere Kinder.
Wie wichtig sind zum Beispiel seine Romane "Fassonschnitt" oder "Das Ende einer Feigheit", um zu verstehen, wie militaristisch und seelisch zerstörend dieses Regime vorging;
wie es zeitgleich den Frieden in der (sozialistischen) Welt anpries und mit kriegerischen Mitteln gegen seine KritikerInnen vorging oder die friedlichen Atomkraftwerke im Osten lobte, während die im Westen für Aggression standen.
Jürgen Fuchs hat für uns die eigenständige Sprache der Stasi konserviert.
Ich erinnere an die Veröffentlichung seiner "Gedächtnisprotokolle" von 1977. Er gehört damit zu den einzigartigen Chronisten menschenverachtender Sprache in einem Unrechtsstaat, in dem Macht vor Recht ging.
Mit seiner Literatur hat er die Struktur und die Machtmechanismen der selbst ernannten Diktatur des Proletariats bloßgelegt und so einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, nicht und Nichts zu vergessen.
Wir werden gleich einige Passagen aus seinem Werk hören, seine Sprache, die für uns eine wichtige Erinnerungsfunktion besitzt.
Erinnerung daran, wie die geheimen Apparate und Mechanismen einer Diktatur funktionieren.
Und Erinnerung daran, dass die Vergangenheit nicht kritiklos verdrängt werden darf!
Fast genau sieben Jahre ist es nun her, dass zur Ehrung dieses wichtigen Schriftstellers die Straße vor unserem Plenarsaal in Jürgen-Fuchs-Straße umbenannt wurde.
Ich wünsche mir, dass wir von Thüringen aus mit anerkennenden, ehrenden und erinnernden Symbolen weiter dazu beitragen, das Gedenken an Jürgen Fuchs wach zu halten und die Erinnerung weiter zu geben.
Ich danke den drei Musikern sehr für die wunderbare musikalische Umrahmung und natürlich auch den drei Autoren, die uns nun Texte von Jürgen Fuchs vortragen werden.
Ich bin sehr gespannt, was Sie für uns ausgewählt haben.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen, liebe Gäste, einen denkwürdigen und interessanten Abend!




