Spannende Debatte im Rathaus von Weida über Risiken und Chancen der Gentechnik
06.07.2007: Astrid Rothe-Beinlich und Dr. Frank Augsten: Koexistenz und Wahlfreiheit in Gefahr
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Greiz und der Verein "Netzwerk für nachhaltige Lebensweise" luden am Freitag, den 6. Juli 2007, ins Weidaer Rathaus, um über Risiken und Chancen der Gentechnik in der Landwirtschaft ins Gespräch zu kommen.
Der Einladung folgten überraschend viele Interessierte - die Bandbreite reichte vom Biobauer aus Clodra, über Erwerbsimker u.a. aus Schleiz bis hin zu Schülerinnen und Schülern aus Greis und Weida, die Seminarfacharbeiten zu dem Thema erstellen und Bürgern, die über ihre Rechte als Verbraucher aufgeklärt werden wollten.
Astrid Rothe-Beinlich, Mitglied des Bundesvorstandes und Landessprecherin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Thüringen führte nach einer Begrüßung durch die Kreissprecherin, Marion Zimmer, in die Problematik ein.
Als aktuellen Einstieg berichtete sie über die Zerstörung eines Versuchsfeldes bei Friemar am Vortag 5im Landkreis Gotha, auf welchem der umstrittene Genmais MON 810 angebaut wurde - kurz bevor die Maisblüte bevorstand.
"Thüringen ist glücklicherweise das Land unter den neuen Bundesländern mit den wenigsten Testfeldern - insgesamt sind es nur drei. 95% aller Feldversuche finden jedoch in den neuen Bundesländern statt. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Thüringen gehören schon seit Jahren zum Aktionsbündnis für gentechnikfreie Landwirtschaft. Für uns stellt auch der Testanbau ein unkalkulierbares Risiko dar, da Koexistenz unserer Meinung nach praktisch nicht möglich ist. Unsere große Sorge ist zudem, dass das seit Februar 2005 geltende Gentechnikgesetz, welches maßgeblich von der damaligen Verbrauchschutzministerin Renate Künast erkämpft wurde, durch die große Koalition aufgeweicht wird. Insbesondere Imker aber auch Biobauern sehen wir auch schon durch den Versuchsanbau als existenziell bedroht, wenn dieser weiterhin stattfindet ", so Astrid Rothe-Beinlich.
Dr. Frank Augsten, Geschäftsführer des Thüringer Ökoherz e.V. und gelernter Tierzüchter stellte in einem Einführungsvortrag eindrucksvoll die geltende Rechtslage, Folgen der Agrogentechnik für den Landbau und Auswirkungen auf die Tierwelt dar.
..Wir können es uns nicht leisten, etwas auszuprobieren, dessen Folgen nicht mehr umkehrbar sind", lautet sein Credo. Dr. Augsten, dem Panikmache und Aktionismus - gerade in dieser Frage - völlig fern liegen, warb für tatsächliche Wahlfreiheit im Sinne der Verbraucher und stellte klar, dass diese konsequente Kennzeichnung voraussetzt. "Ich bin hier nicht als Gentechnikgegner, aber als Gentechnikkritiker", stellte er klar. "Es ist eine Sauerei, wenn Fleisch von Tieren, die beispielsweise mit Gensoja gefüttert wurden, nicht als belastet gekennzeichnet wird. Aus diesem Grund machen wir uns auch für die Prozesskennzeichnung stark." Dr. Augsten betonte weiterhin, dass es derzeit möglich ist, sich gentechnikfrei zu ernähren - wenn man bewusst auswählt. Aussagen der Gentechniklobby, es sei faktisch fast überall bereits genverändertes Material enthalten, entlarvte er als gezielte Fehlinformation, die Gentechnik im Essen als "normal" darstellen soll. Das Beispiel der Erdbeere, die mit einem Gen der Flunder - also eine Fisches - kälteunempfindlicher gemacht wurde, machte überdeutlich, welche Grenzen Gentechnik schon heute sprengt - mit Folgen, die niemand einzuschätzen vermag. Zugleich machte Frank Augsten jedoch auch daraus kein Hehl, dass Gentechnik in bestimmten Bereichen nicht mehr wegzudenken ist - beispielsweise, wenn es darum geht, Leben zu retten - wie bei der Herstellung von Insulin. "Diesen Bereich gilt es jedoch getrennt von der Agrogentechnik zu betrachten."
"Nichts mit Spekulation zu tun hat die Voraussage, was im Falles des Anbaus von gentechnisch veränderten Getreide und Raps passieren wird. Im Gegensatz zu Mais, der in unseren Breiten `nur` benachbarte Maisbestände kontaminieren kann, gibt es bei den anderen Nutzpflanzen keine Frage: Wie im Fall von Raps existieren nicht nur große Wildbestände, sondern auch eine Vielzahl artverwandter Pflanzen. In Versuchen wurde nachgewiesen, dass die gentechnischen Veränderungen (z.B. Herbizidresistenzen oder insektizide Pollen) über Pollen auf die Wildverwandten übertragen wurden. Wildpflanzen, die Unkrautvernichtungsmittel überleben und Insekten abtöten - niemand kann die Wirkungen auf Natur und Gesundheit absehen. Und dabei befinden wir uns erst am Anfang einer Entwicklung."
Die Erwerbsimker aus Schleiz und Greiz berichteten, was der Einsatz von Gentechnik für ihre Branche bedeutet. Ihre Einschätzung lautet: "Koexistenz ist nicht möglich! Eine Biene fliegt 5km im Umkreis ihres Stocks und befliegt ab Juli gezielt Maispollen, mit denen sie ihre Brut aufzieht. Damit kommt es im Umfeld von Versuchsfeldern schon jetzt zu Verunreinigungen durch Genmais, was für das Reinheitsgebot von Biohonig das AUS bedeutet und somit existenzbedrohend für die Imker wirkt. In Deutschland gibt es 90.000 Imker insgesamt, davon 500 Erwerbsimker mit 900.000 Bienenvölkern. Diese produzieren jährlich in etwa 20.000t Honig - ein Fünftel des jährlichen Honigverbrauchs in Deutschland. Griechenland und Polen haben auch mit Blick auf ihre Honigproduktion den Versuchsanbau von Genmais grundsätzlich ausgeschlossen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben zudem ergeben, dass die Lebenserwartungen der Bienen, die normal 28 Tage beträgt, um vier Tage verkürzt wird, wenn sie mit genveränderten Pollen aufgezogen werden - das zeigt, dass eine Toxizität gegeben ist. Deshalb unsere Forderung nach einer gentechnikfreien Landwirtschaft", so die Imker Peter Neupert und Rainer Lange.
Dieser Forderung schloss sich auch Biobauer Peer Salden aus Clodra an.
Dr. Bankwitz vom Netzwerk für nachhaltige Lebensweise warb für grundsätzlich mehr Transparenz - auch und gerade bei der Gentechnik. "Wenn der Geist einmal aus der Flasche ist, bekommt man ihn dort nicht wieder hinein." Koexistenz hält auch er in der Agrotechnik für unmöglich. Trotzdem betonte auch er die Notwendigkeit der roten Gentechnik.
"Das Gefährliche ist, dass auch die Humangenetik missbraucht werden kann und viele Menschen auf Heilsversprechen wie ewige Jugend hereinfallen, ohne danach zu fragen, was dies außerdem für gravierende Folgen hat. Auch die menschenverachtende Nutzung von Gentechnik bspw. bei der Herstellung von Biowaffen sollte jedem immer wieder vor Augen führen, wie gefährlich diese Technologie wirken kann, wenn sie in die falschen Hände gerät", so ein Diskussionsteilnehmer.
Spannend war auch die Frage, ob der Welthunger mittels Gentechnik bekämpft werden könnte. Dr. Frank Augsten empfahl allen, sie dazu beim Gen-ethischen Netzwerk zu informieren, dort wird wissenschaftlich unterfüttert begründet, dass es sich bei dieser Hoffnung ebenfalls um falsche Versprechen der Genindustrie handelt. Weitere Informationen dazu hier.
Nach mehr als zwei Stunden angeregter Debatte blieb zu resümieren, dass es gerade bei dieser Problematik maßgeblich an Aufklärung mangelt und noch viele Themenfelder genauer beleuchtet werden sollten. Außerdem gab es einen eindringlichen Appell der Imker und Biobauer an die Politik, sich gegen Gentechnik in der Landwirtschaft stark zu machen. "Dies nehmen wir gern auf und werden zu weiteren Veranstaltungen einladen", schloss Marion Zimmer mit einem Dankeschön an alle Beteiligten.




