Die heilige Elisabeth - eine moderne Frau?

13.05.2007: Astrid Rothe-Beinlich auf dem Thüringer Kirchentag am 13. Mai 2007 in Eisenach

Elisabeth - eine junge ungarische Frau, lebte vor 800 Jahren, erfährt Grenzen und weiß sie zu überschreiten. Als vierjähriges Mädchen kommt sie - begleitet von zwei weiteren Mädchen - auf die Wartburg nach Eisenach. Elisabeth ist dort fremd und lernt das höfische Leben kennen. Der Adel lebt auf Kosten der Armen und das stößt ihr auf. Sie sagt sich: so geht das nicht weiter. Elisabeth ist radikal. Es ist ihr unwichtig, was sie haben könnte. Sie entscheidet sich für ein Leben mit den Armen. Alles andere wird ihr unwichtig. Ihr Leben, ihr Alltag verändert sich vollständig. Sie fühlt sich der Lehre der Franziskaner verpflichtet. Elisabeth bleibt sich treu und nimmt nichts zurück. Sie ist eine junge und eine leidenschaftliche Frau. Sie lebt an jedem Ort ihre Überzeugung mit Leidenschaft und vergisst sich dabei mitunter selbst. Sie lebt ihre Leidenschaft und bestraft sich aber auch dafür - ein schier unaushaltbarer Spagat.

Zu dieser Zeit ist die Welt - aus Sicht der Männer - noch in Ordnung. Elisabeth passt sich einerseits in die vorbestimmte Frauenrolle ein und unterwirft sich ihr. So wird von klein auf über sie bestimmt und verhandelt. Sie wird verlobt und verheiratet aus politischem Kalkül. Ihrem Mann, den sie mit 14 Jahren heiratet und den sie auch tatsächlich liebt ordnet sie sich unter , später auch ihrem Beichtvater. Sie wird erwartungsgemäß früh Mutter und hat mit 20 Jahren schon drei Kinder geboren. Da stirbt ihr Mann, der sich an den fanatischen Kreuzzügen beteiligt. Elisabeth bricht zusammen und beschließt danach, ihr Leben nur noch den Armen zu widmen. Sie gründet Hospitäler, pflegt Kranke und setzt sich dafür ein, dass die Dreifelderwirtschaft verbreitet wird, um die arme Landbevölkerung vor Hungersnöten zu bewahren. Sie setzt auf Vorratswirtschaft und erfindet den Honigstriezel - sozusagen den ersten durch Honig haltbar gemachten Müsliriegel. Ihre Maxime lautet, dass sich jede und jeder auch von seiner Hände Arbeit ernähren können soll. Ihr Motto lautet: "Bebauen und Bewahren" - statt "Macht Euch die Erde untertan". Und sie steht für einen sozialrevolutionären Ansatz - Lehnswirtschaft tatsächlich im Wortsinne zu begreifen. Modern übersetzt: "Wir haben uns die Erde von unseren Kindern nur geborgt". Elisabeth überfordert sich mit ihrer Frömmigkeit, ihren hohen Ansprüchen an sich selbst. Sie steht gewissermaßen auch für das Scheitern von Engagement und politischer Leitung, Frömmigkeit und Familie.

Mit 24 Jahren stirbt sie - gezeichnet von Askese, Unterernährung und Krankheit. Elisabeth kann Vorbild sein, da sie Grenzen durchbricht und selbst Prioritäten setzt. Sie war gewissermaßen eine der ersten Beginen - und damit Vorreiterin der Frauenbewegung im 13.Jahrhundert. Ihre Radikalität kann begeistern, aber auch Angst machen - sie bewegte sich zwischen absoluter Selbstaufgabe und fast schon Fanatismus. Sie versuchte zu vereinbaren, was damals unmöglich war und verlor sich selbst. Ich wünsche mir heute den Mut und die Kraft von Frauen für Veränderung, getragen von dem Glauben, die Welt verändern zu können und zu bewegen. Und dafür braucht es Rahmenbedingungen, die politisches Engagement und selbstbestimmtes und erfülltes Leben gleichermaßen ermöglichen.

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