Klimaschutz für Alle - Frischer Wind für Thüringen

09.05.2007: Unter dieser Überschrift stand die zweite Veranstaltung im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Grüne Energie für Thüringen" von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Thüringen.

  

von Stefanie Dolling

Der Einladung in die Räumlichkeiten der Stadtwerke Nordhausen, wo Arndt Forberger - dortiger Geschäftsführer - alle Interessierten herzlich willkommen hieß, folgte eine Vielzahl von Interessenten aus ganz Thüringen.

Die Moderation der Veranstaltung lag in den Händen von Astrid Rothe-Beinlich, Landessprecherin der Thüringer Bündnisgrünen und Mitglied im Bundesvorstand, die zunächst für den freundlichen Empfang dankte und das ehrgeizige Ziel der Partei darlegte, Thüringen zur Nummer 1 in Sachen Erneuerbare Energien zu machen. Kritik übte sie zugleich an der Landesregierung, die aus ihrer Sicht weder ein Konzept in Sachen Klimaschutz habe, geschweige denn zum Handeln ermutige oder gar selbst notwendige Schritte in diese Richtung gehe.

Olaf Müller, umwelt- und energiepolitischer Sprecher des Landesvorstandes führte sodann in die bündnisgrünen Vorstellungen ein und stellte den Istzustand der Landespolitik in Sachen Nutzung Erneuerbarer Potentiale und vor allem weitere Chancen dar. "Das A und O ist und ein wesentlicher Bestandteil unseres Vorhabens setzt auf Energieeinsparung, die nach wie vor viel zu wenig diskutiert wird", gab er zu bedenken. Außerdem verdeutlichte Olaf Müller, dass die Politik noch an vielen anderen Stellen gefragt ist - so beispielsweise, wenn es darum geht, Infrastrukturbeschleunigungsprogramme auch und gerade für den Ausbau Erneuerbarer Energien aufzulegen, bürokratische Hürden abzusenken, Kredite zu übernehmen oder aber bei eigenen Neu- und Umbauten von Gebäuden auf Klimaschutzstandards zu achten.

Potenziale sehen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN für Thüringen insbesondere bei der Nutzung von Biomasse, Solartechnik aber auch der Windenergie, wobei es allerdings maßgeblich um Empowerment gehen muss, um die bereits bestehenden Anlagen wesentlich ertragreicher zu machen. Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, unseren Freistaat zu 100% mit Erneuerbaren Energien zu versorgen, müsste es eine gleichberechtigte Unterstützung aller Formen der Erzeugung von Energie aus regenerativen Quellen durch die Landesregierung geben. Des weiteren sollte die Steigerung der Genehmigungseffektivität durch Planungserleichterungen gewährleistet sein und Raumordnungsverfahren müssten vereinfacht werden.

Im Bereich Windenergie konnte der nächste Referent, Stephan Hloucal, Vorstandsmitglied im Landesverband Thüringen des Bundesverbandes Windenergie und selbst Betreiber eines Windparks in Möbisburg sehr gut anknüpfen. Anschaulich stellte er die Wachstumspotenziale der letzten Jahre dar, räumte mit Mythen und Vorurteilen rund um die Windenergienutzung auf und warb für weniger Scheuklappen sowie ein klares Bekenntnis zur Nutzung des Windes. Um den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien nachhaltig zu sichern, verwies er auf die Notwendigkeit, das EEG in seiner jetzigen Form weiter so zu belassen, dass dieses den Vorrang für Erneuerbare Energien festschreibt. Hloucal machte darauf aufmerksam, dass Bundesumweltminister Gabriel eine vorgezogene Novellierung des EEG plant und bei den Verhandlungen darum sehr genau darauf geachtet werden muss, wie sich künftig die Rahmenbedingungen gestalten. Als erreichbare Größenordnung bei der Windkraftnutzung benannte Hloucal 2000 MW in Thüringen bis 2020 - derzeit sind es 632MW.

Deutliche Kritik wurde in der Diskussion an Thüringens Landesregierung geäußert, die sich ganz offen gegen die Nutzung und den weiteren Ausbau der Windnutzung positioniert. So versucht Minister Trautvetter beispielsweise immer wieder die Naturschutzverbände gegen die "Windmüller" aufzubringen

Astrid Rothe-Beinlich betonte an dieser Stelle noch einmal, wie absurd mitunter die Debatte um die Verspargelung der Landschaft erscheinen muss, wenn zeitgleich der Bau von 40 neuen Kohlekraftwerken geplant wird, über deren Ästhetik niemand streitet.

Eine eindrucksvolle Zahl in Sachen Klimaschutz in Thüringen sind 1 Millionen Tonnen CO2 - die schon heute durch die Windkraftnutzung in Thüringen eingespart werden. Eine weitere stattliche Zahl sind 700 Arbeitsplätze in Thüringen - allein in der Windenergiebranche - insbesondere bei der Herstellung von Flanschen, Rotorblättern und weiteren Bauteilen.

Dr.-Ing. Viktor Wesselak, Professor der Fachhochschule Nordhausen, die als einzige neben Berlin den Studiengang "Regenerative Energietechnik" anbietet, warb in seinem fundierten Beitrag zunächst um die Standortvorteile bezüglich dieser nahezu einzigartigen Ausbildungsmöglichkeit für Thüringen. Jährlich bewerben sich mehr Studierwillige für diese zukunftsweisende Fachkombination - 60% der Studierenden kommen nicht aus Thüringen. Er regte in diesem Zusammenhang an, grundsätzlich auf Studiengebühren zu verzichten, um junge Menschen hierher zu holen und ihnen perspektivisch vor Ort auch eine Zukunft zu bieten und damit dem demografischen Wandel zu begegnen.

Zudem wies Wesselak auf das große Potenzial der regenerativen Energien in Bildung und Forschung hin - betonte jedoch auch immer wieder, welchen langen Atem es an dieser Stelle braucht, da oftmals die Unterstützung von Land und Bund fehlen. Als entscheidende Frage mit Blick auf die Zielvorstellung 100% der Energie erneuerbar zu gewinnen, benannte Wesselak die sozialen Aspekte, die bei der Geschwindigkeit des Ausbaus unbedingt beachtet werden müssen. "Ziel muss schließlich sein, dass es sich alle leisten können, Erneuerbare Energien zu nutzen und darauf umzusteigen."

Als besonders wichtig und positiv bei der Windkraftnutzung stellte er heraus, dass Windenergie ganz klar als kostendämpfend bei den Gesamtkosten der Energieerzeugung wirkt.

Wesselak warb für einen gesellschaftlichen Konsens mit Blick auf den vollständigen Umstieg auf Erneuerbare Energien und forderte dazu auf, sich von allzu romantischen Vorstellungen von einer Naturlandschaft zu verabschieden. Deutlich machte er dies an einem Beispiel aus der Region. "Da heißt es immer: dieser tolle Berg, den könnt ihr doch nicht mit einem Windrad verschandeln. Dass es sich bei dem Berg aber um eine Altlastdeponie der ehemaligen DDR handelt, spricht keiner mehr aus - dies macht deutlich, dass wir es mit Kulturlandschaften zu tun haben, die schon immer geformt und verändert wurden."

Im Bereich der Biomassenutzung machte Wesselak weiterhin deutlich, dass hier ein Generationswechsel ansteht - weg vom Energieträger bestimmter Systeme (wie Raps, Gülle) - hin zu beliebiger Biomassenutzung.

Mit Blick auf das EEG und daraus resultierende Gewinne, aber auch Kosten, stellte er klar: "Das EEG hat eine dynamische Entwicklung ausgelöst, die gilt es zu befördern. Allerdings ist eine Anpassung der Vergütungssätze an die Realitäten notwendig. Es darf schließlich nicht sein, dass sich Marktverzerrungen letztlich negativ auf den eigenen Markt auswirken."

Im Bereich der Geothermie sieht er den nach wie vor höchsten Forschungsbedarf, aber auch die größten Potenziale.

Weiterer Referent dieses spannenden Vormittags war Carsten Zaremba, kaufmännischer Leiter der SINOI GmbH Nordhausen (ehemals NOI), die nunmehr einem chinesischen Konzern gehört und seit dem 2. Mai dieses Jahres wieder Rotorblätter am Standort Nordhausen produziert. Die Firma rechnet damit, vor Ort bis Ende des Jahres 140 Mitarbeiter zu haben - derzeit sind es etwa 50. SINOI ist im Moment außerdem mit der Entwicklung eines 2,5MW Rotorblattes betraut. "Bedauerlich ist es, dass unsere Rotorblätter an Windrädern in Deutschland derzeit noch nicht zu finden sind, wohl aber im asiatischen Raum, Tschechien und Skandinavien, sprich, sie sind durchaus ein Exportschlager", gab Zaremba zu bedenken.

In der anschließenden Diskussion mit vielen interessierten Nachfragen erläuterte Arndt Forberger die praktischen Erfahrungen der Stadtwerke Nordhausen mit der Nutzung der Erneuerbaren Energien im Abfallwirtschaftszentrum. Dort stehen - maßgeblich initiiert durch Gisela Hartmann, viele Jahre grüne Umweltsamtsleiterin - mittlerweile 6 Windräder neben der mechanisch-biologischen Aufbereitungsanlage für Abfälle und mittlerweile sorgt die großflächig aufgebrachte Solaranlage sogar für Gewinne bei den Stadtwerken.

Außerdem stellte der langjährige Projektleiter und Lehrer der Energieschule Sollstedt, die mehrere Preise gewonnen hatte und Vorreiterin in Sachen Erneuerbare Energien war, seinen Film vor, der bundesweit Schülerinnen und Schülern Lust machen soll auf Forschung und Zukunftsentwicklung. Leider wurde die Schule trotz ihrer vielen Auszeichnungen im letzten Jahr geschlossen.

Nichts desto trotz machte diese Veranstaltung Mut und Lust auf mehr - vor allem darauf, dass unsere grüne Vision Früchte trägt und Thüringen dem Klimawandel gut aufgestellt begegnen kann. Astrid Rothe-Beinlich lud am Ende der Veranstaltung alle Interessierten zudem herzlich dazu ein, die Diskussion im Landesverband auch bei den Folgeveranstaltungen mit zu begleiten, sich einzubringen und mitzuarbeiten am grünen energiepolitischen Programm, welches auf der Landesdelegiertenkonferenz im Dezember verabschiedet werden soll.

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