Länger gemeinsam lernen in einer Schule für alle

16.06.2010: Der Zugang zu Bildung ist eine der zentralen Gerechtigkeitsfragen des 21. Jahrhunderts. Gute Bildung entscheidet nicht nur über beruflichen Erfolg, sondern auch über die Teilhabe an Kultur und Demokratie.

Immer mehr Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer wollen deshalb eine Schule, die individuelle Stärken und Schwächen berücksichtigt, die ungeachtet der Herkunft fördert und fordert und so besser als bisher auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet. Dem wollen wir in Thüringen gerecht werden. Deshalb fordern wir mehr Zeit zum gemeinsamen Lernen und endlich Schluss zu machen mit der frühzeitigen Selektion nach der vierten Klasse, bei der schätzungsweise die Hälfte der Kinder eine falsche Schullaufbahnempfehlung erhält. Denn eines steht fest: noch immer entscheiden die Herkunft und das Einkommen der Eltern maßgeblich über den Bildungserfolg der Kinder. Hinzu kommt: das Thüringer Schulsystem, welches auf Auslese gründet, führt zu einer immens hohen Förderschulquote und steht damit ernst gemeintem gemeinsamen Lernen und Inklusion im Weg. Wir meinen: alle Kinder sollen bis zum Abschluss der Sekundarstufe I, der 9. Klasse, gemeinsam lernen können – dies ist unser langfristiges Ziel. Statt auf Auslese setzen wir auf individuelle kognitive und soziale Förderung. Solange alle Kinder zusammen lernen, sind auch die Leistungsunterschiede relativ gering, bei insgesamt steigender Leistung. Es muss eine Schulstruktur geschaffen werden, die an individueller Förderung und nicht an Selektion orientiert ist und die zudem zum Ziel hat, tatsächlich eine Schule für alle Kinder zu sein. Dazu gehört allerdings auch eine andere Schulkultur. Hinschauen und Zuhören sind für uns für alle Schulen elementar. Schule ist nicht nur Lern – sondern auch Lebensort. Weiterhin braucht es differenzierte Methodiken, die allen Kindern in ihrer Heterogenität gerecht werden und entsprechend geschultes Personal. Auch die bisherigen Bewertungsschemata gehören da auf den Prüfstand.

Wir begrüßen das Ziel der Koalition, das Thüringer Schulsystem für längeres gemeinsames Lernen mindestens bis zur 8. Klasse zu öffnen und verschließen uns nicht vor der Idee der Gemeinschaftsschule. Für die Umsetzung einer grundlegenden Bildungsreform braucht es aber vor allem Zeit und den breiten Konsens aller. Deshalb werden wir uns konstruktiv am Reformprozess beteiligen. Hierzu gehört, dass wir das Modell auch für Schulen in freier Trägerschaft öffnen wollen – diese sind in der Erprobungsphase ausgeschlossen. Das parallel zum Gemeinschaftsschulmodell von der CDU vorgestellte Schul- und Bildungskonzept stellt die Regelschule ins Zentrum und möchte diese zur Oberschule weiterentwickeln. Wir meinen, es braucht in Thüringen eine ganzheitliche sachliche Debatte, die sich neuen Ideen nicht verschließt – im Sinne unserer Kinder, der Eltern, der LehrerInnen und der Erzieherinnen. Und: wir wollen tatsächlich flächendeckend mit einer echten Bildungsreform – nicht nur mit einem Versuch im bestehenden gegliederten System beginnen.

Jedoch sollten wir bei allen bildungspolitischen Unterschieden und Ansätzen unser Ziel nicht aus den Augen verlieren – „Eine Schule für alle“ zu öffnen und das längere gemeinsame Lernen auf den Weg zu bringen. Zeit wird es jetzt aktiv zu werden – wir haben schon viel zu lange damit gewartet!

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