Ein frauenfeindliches Weltbild

24.08.2007: Gastbeitrag von Astrid Rothe-Beinlich im Neuen Deutschland (ND) vom 24.08.2007

Heute geht es um nicht viel weniger als die Glaubwürdigkeit der Linkspartei: Zählen die eigenen programmatischen Grundsätze noch etwas oder mutiert die Linkspartei vollkommen zu einem populistischen Familie-Lafontaine-Wahlverein?

"Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen und Männer unter anderem durch Kita-Ganztagsangebote und Ganztagsschulen" - so lautet zumindest der offizielle Forderungskatalog der Linkspartei. Nicht so Christa Müller, familienpolitische Sprecherin der Linkspartei im Saarland und Ehefrau von Oskar Lafontaine. Sie setzt den Ausbau mit einem "Arbeitszwang" für Mütter und dem Zwang zur "Fremdbetreuung" gleich.

Dabei ist diese Entgleisung kein solitärer Müllerscher "Fauxpas" - Anfang des Jahres trumpfte Frau Müller bereits mit der unerträglicher Forderungen auf, durch vierteljährliche Kontrollen die "Reproduktion des asozialen Milieus zu begrenzen". Chapeau Frau Müller - da fällt einem im 21. Jahrhundert erst mal nichts mehr zu ein! Es ist nichts anderes als die Anbiederung an die Konservativen, die gegen eine außerhäusliche Betreuung argumentieren und das überkommene Rollenklischee von der Frau am Herd zu retten versuchen.

Allein durch den Begriff "Fremdbetreuung" schürt Frau Müller Rabenmütter-Ängste und negiert, worum es neben der Vereinbarkeit von Familie und Beruf maßgeblich geht - nämlich um frühkindliche Bildung und Erziehung flächendeckend und von Anfang an. Nur so können wir allen Kindern gleichermaßen die Türen zur Welt öffnen, ihnen Perspektiven bieten und ihre persönliche Entwicklung auch außerhalb des Elternhauses unterstützen. Wenn eine Funktionärin der Linkspartei in Allianz mit Bischof Mixa weiter meint, das Glück der Frauen liege ausschließlich in der Mutterschaft, offenbart sie ein rückwärtsgewandtes, realitätsfernes und frauenfeindliches Weltbild. Frauen, auch wenn sie Mütter sind, wollen laut verschiedener Studien mehrheitlich einer Erwerbsarbeit nachgehen. Frauen haben ein Recht auf gleiche Chancen zur persönlichen Entfaltung und brauchen gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt. Wer die skandalöse Lohnungerechtigkeit in Deutschland auch noch dazu benutzt, Frauen aus dem Erwerbsleben weiter auszugrenzen, argumentiert mehr als zynisch. Die seit Jahrzehnten bestehende Lohnungleichheit ist Folge eines überkommenen Rollenverständnisses und eine Ungerechtigkeit, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt.

Wir Grüne sind der Überzeugung, echte Wahlfreiheit gibt es erst, wenn sich Frauen und Männer die Erziehung, Betreuung und Pflege von Kindern und Angehörigen partnerschaftlich teilen, das sind die Herausforderungen der Gegenwart. Bei der Linkspartei offenbart sich an diesem Beispiel ein grundsätzliches und tiefes Dilemma. Frauen spielen in der männerdominierten PDS trotz papiernen Quoten faktisch keine Rolle. Der kaum vernehmbare Protest von Katja Kipping oder Petra Pau gegen die Müllerschen Kursbestimmungen findet bei der herrschenden Alt-Männerriege keine Unterstützung. Dazu passt das Schweigen des Gregor Gysi. Es bleibt die Frage, ob die Linkspartei den Roll-back zu den drei Ks auf Wunsch von Familie Lafontaine-Müller vollzieht.

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