Astrid Rothe-Beinlich erinnert an die Stasibesetzung vor 20 Jahren in Erfurt
Erinnern für die Zukunft - Gedenkorte als Lernorte nutzen
Obgleich der neue Ministerpräsident Modrow am 17. November 1989 ankündigte, das Ministerium für Staatssicherheit in ein Amt für Nationale Sicherheit umzubilden, lief die Arbeit in den Stasizentralen weiter.
Am 3. Dezember 1989 schließlich wurden Filmpartikel in der Luft in Erfurt festgestellt. Damit war klar, dass in großem Umfang Filmmaterial etc. verbrannt wurde. Eine weitere Vernichtung von Aktenmaterial galt es zu verhindern.
"Dies war gewissermaßen der Auslöser für die erste Besetzung einer Stasizentrale in der DDR", erinnert sich Astrid Rothe-Beinlich, MdL BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Mitglied des Bundesvorstandes, die in der Folge eine der Jüngsten in der sogenannten Bürgerwache in der Erfurter Stasizentrale war.
"Der interessante Aspekt, dass es eine Gruppe von Frauen war, die am 4. Dezember im Rathaus vorstellig wurde und die Stadtverwaltung aufforderte, die Vernichtung von Akten in der Bezirksverwaltung des MfS zu stoppen und die Presse, den Rat des Bezirkes und die Staatsanwaltschaft informierte, ist heute vielen nicht mehr geläufig. Als klar wurde, dass von staatlicher Seite nichts getan wurde, versammelten sich immer mehr Menschen in der Andreasstraße vor der Stasizentrale und begehrten Einlass. Schließlich sollte eine zehnköpfige Delegation Zutritt erhalten -- gleichzeitig begann die Besetzung über den schlecht gesicherten Hintereingang. Die Stasi wurde im wahrsten Sinne des Wortes überrumpelt", so Astrid Rothe-Beinlich weiter.
"Für mich waren die folgenden Tage und Nächte wohl die prägendsten in meinem Leben. 1991 habe ich meine Erinnerungen an diese Zeit niedergeschrieben. Darin heißt es:
"Ab sofort wurden Leute gebraucht, die Wache in der Stasizentrale halten würden. Zwei Stunden jeweils bis zur Ablösung an einer Stelle. Ich meldete mich sofort, verbrachte jede freie Minute dort. Wache am Nordtor -- es war erbärmlich kalt... Wache im ehemaligen Bunker. Totenstille, Dunkelheit... Wache in der U-Haft-Station. Die Zellen, Stuhl und Bett, Gipsschüsseln, Dunkelheit, vielfache Verriegelung, alles vergittert. (...) Wache am Eingang. Kontrolle der noch ein- und ausgehenden Stasileute, die ihre Büros ausräumen. Nicht nur die Büros. Immer wieder wurden Versiegelungen aufgebrochen. Peinlich, wenn ich als gerade 16jährige Taschen ehemaliger Lehrer untersuchen muss. (...) Mit der Zeit immer weniger Freiwillige für die Bürgerwache. Ich beantrage "schulfrei" um die zuvor verweigerte "Zivilverteidigung" nachzuholen. (...) Schließlich übernehme ich die Verpflegung, koche Kaffee, schmiert Brote... Plötzlich gemeinsame Wachteams mit der Polizei -- ein eigenartiges Gefühl. (...) Heiligabend in der Staatssicherheit. Gegen Mitternacht kamen plötzlich etwa 25 Leute mit Geschenken, Pfefferkuchen, Kerzen. Sogar einen kleinen Weihnachtsbaum hatten sie uns mitgebracht. Wir sangen Weihnachtslieder in den leeren Gängen. (...) Wir waren nicht alleine. Aber es tat sich nichts. Die Bürgerwachenleute waren müde und überreizt. (...) Schließlich traten einige aus der Bürgerwache in den Hungerstreik, ich durfte nicht, war noch zu jung."
"Eine weitere bittere Erfahrung war, dass selbst ein ehemaliger Stasimitarbeiter in der Bürgerwache aktiv war -- IMB Schubert -- "Leo" -- nannte er sich. Mit ihm hatte ich so manche gemeinsame "Schicht", er hatte auch die Umweltgruppe, in der ich seit 1987 aktiv war, bespitzelt. Es war unheimlich. Er öffnete immer wieder Türen, und trat besonders respektlos gegenüber den Stasileuten auf. Im April 1991 erst haben wir erfahren, dass er einer der aktivsten IMs gewesen ist."
Astrid Rothe-Beinlich, wird auch am morgigen 20. Gedenken ab 18.00 Uhr zur Besetzung der Erfurter Stasizentrale teilnehmen und wirbt nachdrücklich dafür, Erinnerungskultur zur Stärkung unserer Demokratie lebendig zu halten und erfahrbar zu machen.





